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Juri Rytcheu: Der letzte Schamane
Leseprobe

Nach altem Brauch wird die Abstammung eines Menschen als Baum mit vielen verzweigten Ästen dargestellt.
   Wo ich geboren wurde, da wachsen kein Wald und keine hohen Bäume. Aber das heißt nicht, dass es dort überhaupt keine Pflanzen gibt. Es gibt sogar Birken, Zedern, Weiden, Erlen. Allerdings ragt die Krone des größten dieser »Bäume« nur wenige Zentimeter aus dem Erdboden.
   Meine Ahnentafel gleicht dem Tundragewächs Junëu - der Goldenen Wurzel, die fest in der Muttererde verankert ist. Sie sitzt nicht tief, denn der ewige Frost macht den Boden hart. Aber kein Sturm kann sie ausreißen, keine Kälte ihre Wurzeln abtöten.
   Genauso stelle ich mir meine Wurzeln vor, die ich in diesem Buch bis zu den frühesten Ursprüngen zu ergründen suche.
   Viele Berichte über meine Vorfahren, insbesondere über die fernen, sind nicht dokumentarisch belegt, weder auf Papier noch in einer anderen Form, über die die moderne Zivilisation verfügt, wie sonst üblich bei historischen Personen. Aber sie leben im Gedächtnis der Menschen, wie auch unsere Vergangenheit in der Erinnerung weiterlebt, sie wird von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Die zeitlich jüngeren Ereignisse treten natürlich deutlicher hervor. Je weiter das Leben meiner Vorfahren in die Vergangenheit zurückreicht, desto nebelhafter erscheint es. Um es wieder zu erwecken, muss ich nicht nur mein Gedächtnis anstrengen, sondern auch meine Vorstellungskraft, gleich einem Künder vergangener Zeiten.
   Möglich, dass meine Berichte über die vergangene Zeit von den so genannten wissenschaftlichen Forschungen abweichen. Hier bin ich bereit, mit den Männern der Wissenschaft zu streiten. Erstens, woher nehmen sie die Gewissheit, das ihre eigenen Berichte wahr sind, wenn sie kein einziges Mal am Abend den langen Geschichten der berühmten Legendenerzähler zugehört haben, wie zum Beispiel dem Walrosselfenbeinschnitzer Nonno und meiner Großmutter Giwewnëu? Warum sollte den Erzählungen eines russischen Kosaken mehr zu trauen sein, der einen Tschuktschen oder Eskimo nicht von einem Tundratier unterscheiden kann, als den Berichten, die die Ureinwohner der Tschuktschenhalbinsel über Jahrhunderte überliefert haben?
   Der Nebel, der die alten Mythen einhüllt, die uns den Geist des alten Lebens überbringen, soll sich ein wenig auflösen, hell und deutlich sollen die lebendigen Gesichter meiner Vorfahren werden, auf die ich nicht weniger stolz bin als die Vertreter angesehener europäischer Familien auf ihre ehrwürdige Herkunft.
   

 

 


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