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Leonardo Padura: Ein perfektes Leben
Leseprobe

Er sah Tamara vor sich, wie sie Anzeige erstattete, und schaute sich wieder das Foto des Vermissten an. Es war wie ein Köder, der ferne Erinnerungen aufwühlte, Tage, die er vergessen wollte, nostalgische Gräber. Das Foto glänzte, es war wohl erst vor kurzem aufgenommen worden. Doch auch wenn der Mann auf dem Foto zwanzig Jahre alt gewesen wäre, wäre er heute immer noch dieselbe Person. Sicher? Sicher. Er schien immun gegen die Wechselfälle des Lebens, liebenswürdig auch auf Passbildern, frei von Schweiß, Akne und Fett, von der dunklen Bedrohung des Bartwuchses, ausgestattet mit dem gewissen Etwas eines makellosen, vollkommenen Engels.
   Zurzeit allerdings galt er als vermisst, ein alltäglicher Fall für die Polizei, eine Arbeit für Mario Conde, die dieser lieber nicht hätte erledigen wollen. Was war da los, verdammt noch mal?, fragte er sich beim Verlassen des Büros. Er verspürte keinerlei Verlangen, den Bericht mit den persönlichen und beruflichen Daten des untadeligen Rafael Morín Rodríguez durchzulesen.
   Vom Fenster seines eigenen kleinen Büros konnte er einen Ausblick genießen, der ihm wie ein impressionistisches Gemälde vorkam: die von uralten Lorbeerbäumen gesäumte Straße, diffuse grüne Flecken im Sonnenlicht, die im Stande waren, das Brennen in seinen Augen zu lindern; eine bedeutungslose kleine Welt, deren Geheimnisse er allesamt kannte und an der ihm jede Veränderung auffiel: ein neues Spatzennest, ein absterbender Ast, die Erneuerung des Laubes, die durch die dunkle Färbung der immergrünen Blätter angekündigt wurde. Hinter den Bäumen eine Kirche mit hohen Gittern und glatten Außenmauern sowie einige nur undeutlich zu erkennende Gebäude. Und schließlich, ganz hinten, das Meer, das man nur als Lichtfleck und als Geruch wahrnehmen konnte.
   Die Straße war leer und warm und sein Kopf so gut wie leer und ein wenig benebelt. Wie gerne, dachte er, säße er unter diesen Lorbeerbäumen und wäre noch einmal sechzehn Jahre alt, einen Hund an seiner Seite, den er streicheln, und eine Freundin, auf die er warten könnte. Dann, einfach so dasitzend, wäre er rundum glücklich, jede Wette, so glücklich, wie man nur sein kann, was er schon beinahe vergessen hatte. Und vielleicht würde es ihm sogar gelingen, seine Vergangenheit, die ja seine Zukunft wäre, in Ordnung zu bringen und sich auszumalen, wie sein Leben verlaufen werde.
   Der Gedanke faszinierte ihn, denn dann würde er versuchen, es anders zu gestalten. Jene lange Kette von Irrtümern und Zufällen, die seine Existenz bestimmt hatte, würde sich nicht wiederholen; es müsste eine Möglichkeit geben, sie zu unterbrechen oder wenigstens zu korrigieren und einen anderen Weg, das heißt, ein anderes Leben auszuprobieren. Sein Magen hatte sich inzwischen so einigermaßen beruhigt. Er wünschte sich, den Kopf freizuhaben, um sich in diesen Fall zu stürzen, der ihn in die Vergangenheit führte und ihn aus der friedlichen Willenlosigkeit riss, die er sich fürs Wochenende erträumt hatte.
   Er drückte die rote Taste der Gegensprechanlage und verlangte, man solle Sargento Palacios zu ihm schicken. Vielleicht, so dachte er, konnte er von Manolo lernen. Zum Glück gab es Leute wie ihn, so dachte er weiter, denen es gelang, die tägliche Arbeitsroutine durch ihre bloße Anwesenheit und ihren Optimismus aufzulockern. Manolo war ein guter Freund, erwiesenermaßen verschwiegen und fleißig, aber ohne Hektik. Mario Conde zog ihn allen anderen Sargentos und den übrigen Ermittlern der Kripo vor.
   Er sah den größer werdenden Schatten hinter der Glasscheibe, und dann trat Sargento Manuel Palacios ohne anzuklopfen ein.
   »Ich dachte, du wärst noch nicht da«, sagte Manolo und setzte sich in einen der Sessel vor Condes Schreibtisch. »Was für ein Leben, Bruder. Scheiße, du hast heute aber dein verschlafenes Gesicht aufgesetzt!«
   »Du kannst dir nicht vorstellen, wie hackevoll ich gestern war. Furchtbar!« Beim bloßen Gedanken daran zog sich Mario der Magen zusammen. »Die alte Josefina hatte Geburtstag, wir haben mit Bier angefangen, ich hatte welches besorgt, danach gabs zum Essen Rotwein, so 'n scheiß-rumänischen, kam aber gut, und hinterher hat der Dünne 'ne Flasche Añejo geköpft, die er eigentlich seiner Mutter geschenkt hatte. Als der Alte mich heute Morgen anrief, wär ich fast gestorben.«
   »Maruchi sagt, der Alte ist sauer auf dich gewesen, weil du einfach aufgelegt hast.« Manolo grinste und rutschte tiefer in den Sessel zurück. Er war gerade mal fünfundzwanzig und hatte Probleme mit der Wirbelsäule. Keine Sitzgelegenheit war für seinen knochigen Hintern geeignet, und er konnte nicht lange stehen, ohne ein paar Schritte zu gehen. Mit seinen langen Armen und dem hageren Körper bewegte er sich wie ein wirbelloses Tier. Von den Leuten, die der Teniente kannte, war er der Einzige, der sich in den Ellbogen beißen und über die Nase lecken konnte. Sein Gang war wie ein Schweben, und wenn man ihn so sah, hielt man ihn für schwächlich, sogar zerbrechlich, und bestimmt für jünger, als er war.
   »Der Alte ist nervös«, sagte der Teniente, »er kriegt nämlich auch Anrufe, von oben.«
   »Wohl ein schwieriger Fall, was? Mich hat er auch angerufen, höchstpersönlich.«
   »Nicht nur schwierig, sondern vor allem heikel. Hier, nimm das mit«, sagte Mario Conde und ordnete die Aktenblätter, »lies das durch, in einer halben Stunde fahren wir los. Ich muss noch darüber nachdenken, wie wirs am besten anpacken.«
   »Du kannst schon wieder denken?«, fragte der Sargento und verließ mit seinem federnd leichten Gang das Büro.
   El Conde blickte auf die Straße hinunter und lächelte. Ja, er konnte schon wieder denken, und er dachte, dass der Fall eine Bombe war.


S. 76 ff.

Er klopfte behutsam mit den Fingerknöcheln an die Bürotür und öffnete sie.
   Hinter seinem Schreibtisch zelebrierte Mayor Rangel den Akt des Zigarrenanzündens. Er drehte die Zigarre an der leicht geneigten Flamme des Gasfeuerzeugs, wobei er in regelmäßigen Abständen blauen Rauch ausstieß, der in Höhe seiner Augen schwebte und ihn in eine dicke, duftende Wolke hüllte. Rauchen war ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens, und niemand, der seine schwärmerische Leidenschaft für eine gute Havanna kannte, hätte ihn jemals gestört, während er eine Zigarre anzündete. Wann immer sie konnten, schenkten sie ihm eine Zigarre, zu jeder Gelegenheit: Geburtstag und Hochzeitstag, Vatertag und Neujahr, Geburt eines Enkels oder Examen eines Kindes. Auf diese Weise legte sich Mayor Rangel eine stolze Sammlung zu, eine Reserve, aus der er sich bediente. Je nach Tageszeit eine bestimmte Marke, je nach Stimmung eine bestimmte Dicke und je nachdem, wie viel Zeit er zum Rauchen hatte, eine bestimmte Länge.
   Erst als er die Havanna richtig angezündet hatte und mit der Befriedigung des Kenners die makellose Aschekrone der Glut betrachten konnte, richtete er sich in seinem Sessel auf und sah den soeben Eingetretenen an.
   »Du wolltest mich sehen, ja?«, begann der Teniente.
   »Was bleibt mir schon übrig. Also, setz dich.«

Wenn man in einem so angespannten Zustand ist und das Gefühl hat, keinen klaren Gedanken fassen zu können, dann ist es das Beste, sich eine Havanna anzuzünden. Aber nicht, um einfach nur etwas anzuzünden und Rauch zu inhalieren, sondern um die Zigarre wirklich zu rauchen. Nur so kann man von ihr alles bekommen, was sie an Gutem zu geben hat. Wenn ich rauche und dabei etwas anderes tue, verschwende ich diese 14,2 Zentimeter lange Davidoff 5000 Gran Corona. Sie verdient, dass man sie bewusst raucht, oder einfach nur, dass man sich hinsetzt, um zu rauchen und sich dabei eine Stunde lang zu unterhalten. Genau die Zeitspanne für eine gute Zigarre. Die Davidoff, die ich mir heute Morgen angezündet habe, war ein Desaster. Erstens weil der Vormittag noch nie der beste Zeitpunkt für eine Zigarre dieser Kategorie war, und zweitens, weil ich sie nicht vorschriftsmäßig angeraucht habe. Ich habe sie verdorben, und so sehr ich mich auch bemüht habe, sie zu retten, es ist mir nicht gelungen. Ich hatte das Gefühl, einen ordinären Stumpen zu rauchen, ehrlich. Ich weiß nicht, wie du pro Tag zwei Schachteln Zigaretten rauchen kannst anstatt einer einzigen Havanna. Das macht dich so nervös. Ich sag ja nicht, dass es eine Davidoff 5000 oder irgendeine andere Spitzenzigarre sein muss, eine Romeo y Julieta Cedros N° 2 zum Beispiel, eine Montecristo N° 3 oder eine Rey del Mundo. Nein, irgendeine gute Zigarre mit dunklem Deckblatt, die einen leichten Zug hat und ebenso leicht brennt, das ist das wahre Leben, Mario, oder wenigstens kommt es dem am nächsten. Kipling hat einmal gesagt, eine Frau ist nur eine Frau, aber eine gute Zigarre ist mehr als das. Und ich sage dir, der Mann hatte Recht. Denn wenn ich auch nicht viel über Frauen weiß, mit Zigarren kenne ich mich aus. Es ist ein Freudenfest für die Sinne, mein Lieber. Schärft die Augen, weckt den Geruchssinn, rundet den Tastsinn ab, und nach dem Essen hinterlässt sie, zusammen mit einer Tasse Kaffee, einen angenehmen Geschmack im Mund. Es ist sogar Musik in den Ohren! Hör mal, ich drehe sie zwischen den Fingern, und sie stöhnt auf, als wär sie rollig. Hörst dus? Und dann die zusätzlichen Wonnen: Eine makellose Aschespitze von zwei Zentimetern anzuschauen oder die Bauchbinde abzuziehen, nachdem du das erste Drittel geraucht hast, ist das nicht das wahre Leben? Starr mich nicht so an, ich meins vollkommen ernst, mehr als du glaubst. Rauchen ist eine Lust, vor allem dann, wenn du zu rauchen verstehst. Was du machst, ist ein Laster und ordinär. Deswegen wirst du ausfällig und ärgerst dich schwarz. Hör zu, Mario: Dies ist ein Fall wie jeder andere, und du wirst ihn lösen. Aber lass dich nicht von der Vergangenheit beeinflussen, okay? Schau mal, damit du dich wieder in die Reihe kriegst, werd ich eine Ausnahme machen. Na ja, du weißt, dass ich sonst niemandem eine Zigarre schenke, aber dir werde ich eine von meinen Davidoff 5000 verehren. Und jetzt sag ich Maruchi, sie soll dir einen Kaffee bringen. Dazu zündest du dir die Zigarre an, so wie ichs dir beschrieben habe, und dann erzählst du mir, wie du dich fühlst. Du müsstest schon ein ausgemachter Blödmann sein, wenn dir das nicht hilft, das Leben zu genießen.
   


S. 120 ff.

Der Kaffee stieg wie heiße Lava im Innern der Kanne auf. El Conde tat vier Löffel Zucker in einen Krug und wartete, bis der gesamte Kaffee durch den Filter nach oben gepresst war. Dann goss er ihn in den Krug und rührte ihn um, langsam, um sich an dem bitteren, heißen Aroma erfreuen zu können. Schließlich goss er die schwarze Flüssigkeit in die Kanne zurück und von dort in eine Thermoskanne, aus der er sich eine große randvolle Tasse zum Frühstück genehmigte. Er setzte sich in das kleine Esszimmer und zündete eine Zigarette an, die erste des Tages.
   Er fühlte sich schrecklich alleine, und um dieses Gefühl zu verscheuchen, dachte er an das, was er mit der Namenliste der Neujahrspartygäste anfangen wollte. Ihn erwarteten einige ebenso unvermeidliche wie delikate Gespräche, die er lieber nicht geführt hätte. Zoilita war offenbar immer noch nicht wieder aufgetaucht, denn sonst hätte man ihm Bescheid gegeben. Sie war jetzt vier Tage verschwunden, genauso lange wie Rafael. Vor morgen früh konnte er mit seinen Ermittlungen in dem Unternehmen nicht beginnen, und das verlieh ihm eine Schonfrist, die er gerne schon hinter sich gebracht hätte.
   Aus den anderen Provinzen war wohl keine Meldung für ihn eingetroffen, auch nicht vom Grenzschutz, die hätten ihn ebenfalls benachrichtigt. Weiterhin also keine Spur von dem in Luft aufgelösten Mann. Und von dem Spanier Dapena? Um den brauchte man sich keine Sorgen zu machen, der rannte wohl auf Cayo Largo hinter irgendwelchen Titten her . Doch es gab auch so genug Arbeit für diesen Sonntag.
   Teniente Conde trank seinen Kaffee, der den Gaumen und das Denkvermögen anregte, und beschloss, sich noch mehr Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Er wollte sich in Rafael Morín hineindenken, obwohl er nie im Leben auch nur im Entferntesten in Erwägung gezogen hatte, dass so etwas möglich sein könnte. Er musste fühlen, was ein Mensch wie Rafael Morín fühlte, musste wollen, was er wollte (das war schon einfacher), um wenigstens eine Ahnung davon zu bekommen, was es mit diesem merkwürdigen Verschwinden auf sich hatte. Doch es gelang ihm nicht. Rafael gehörte nicht zu den Verbrechern, mit denen er es täglich zu tun hatte, und das lähmte ihn. Ihm waren die schwarzen »Geschäftsleute« lieber, die mit irgendetwas handelten, Zwischenhändler für das Außergewöhnliche, Hehler für das Ausgefallene. Er kannte sie und wusste, dass sie stets einer Logik zufolge agierten, an der man sich bei den Ermittlungen orientieren konnte.
   Jetzt war alles anders. Ich treibe orientierungslos dahin, dachte er und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Er stellte fest, dass es Zeit war, Manolo anzurufen und auf die Straße zu gehen, auch wenn der Tag nicht danach aussah, ein Sonntag zu werden, an dem man an der Ecke stehen konnte, um ein wenig Sonne zu tanken und die alten Geschichten der alten Freunde anzuhören, immer und immer wieder.
   Er goss sich eine zweite Tasse ein, weniger voll diesmal, dankte seinem Magen, dass er ihn bisher noch nicht mit einem Geschwür bestraft hatte, zündete sich eine weitere Zigarette an, beglückwünschte sich zu seiner leistungsfähigen Lunge und ging ins Schlafzimmer.
   Er setzte sich aufs Bett, gleich neben das Telefon, und beobachtete den einsamen Rundtanz von Rufino, seinem Kampffisch. Dann sah er sich in dem leeren Zimmer um, und es überkam ihn das Gefühl, dass auch er einen einsamen Tanz aufführte, auf der Suche nach einem Ausweg aus diesem endlosen, beklemmenden Teufelskreis.
   »Was sind wir doch für arme Schweine, Rufino«, sagte er und wählte Manolos Nummer.



   

 


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