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Jörg Sambeth: Zwischenfall in Seveso
Leseprobe

Übertragungswagen von Fernsehsendern vieler Länder stehen permanent vor dem Fabriktor. Reporter aller Sprachen lauern. Pünktlich zu jeder vollen Stunde bringt das Lokalradio die neuesten, stets um einige Dutzend höheren Zahlen der Opfer in den Krankenhäusern. Dort kocht die Erregung der Ärzte. Sie können nur Symptome behandeln. Sie versuchen, die Schmerzen mit Aspirin und Beruhigungsmitteln zu lindern. Sie trösten die Patienten mit Salben, die sie gerade in ihren Apotheken finden. Sie kennen die Krankheit nicht.
    Erregte Stimmen lärmen um die Autos, die es wagen, in die Fabrik zu fahren oder sie zu verlassen. Dunkle Wolken überlagern die Gegend. Mit Donner und Blitz geht ein mächtiges Unwetter nieder. Die Welt ist am Untergehen.
    Am Samstagmorgen sitzt Anton in einem solchen Auto. Mit Mühe bahnt sich das Taxi seinen Weg. In der Fabrik wartet Kroll auf ihn. Die Polizei hat das vermutlich verseuchte Areal inzwischen mit einem Drahtzaun absperren lassen. Er ist natürlich durchlässig. Die Bewohner einiger evakuierter Häuser laufen ein und aus. Sie holen sich die zum Leben notwendigen Dinge, nebenbei auch Gemüse und Obst aus ihren Gärten. Die Polizei kontrolliert und drückt die Augen zu. Kontaminierter Salat wird gewaschen und verspeist. Ebenso zum Mittagessen das Kaninchen, das man schon lange für die Speisekarte vorgesehen hatte. Das Land ist zwar verseucht, doch das Leben geht weiter.
    Mit Kroll macht Anton sich auf den Weg. Sie besichtigen die Fabrik. Sie liegt in doppelter Ruhe unter den Regenwolken. An diesem Wochenende ist, im Gegensatz zum Lärm am Fabriktor, totale Stille eingekehrt. Sogar die Vögel haben vor dem Gewitter Unterschlupf gesucht. Kein Motor läuft. Keine Ventilation ist zu hören. Stromgenerator, Kompressoren und Pumpen schweigen. Die Behörden haben jede Aktivität verboten. Weder Produktion noch Unterhaltsarbeiten sind erlaubt. Nichts verrät die Explosion vor einer Woche. Die Gebäude zeigen die ersten Spuren der begonnenen Erneuerungsarbeiten. In ihnen herrscht gespenstische Ruhe. Der Fabrikbau, in dem der Reaktor explodierte, ist von einem Sperrband der Polizei umgeben. Die beiden steigen darüber und werfen einen Blick ins Innere. Nichts zeigt an, was vor kurzem erst in dem Kessel geschah. Das bei der Explosion nach außen geschleuderte Material liegt draußen in der Natur. Im Reaktor verbleibt eine harte schwarze Masse, die das abgestellte Rührgerät festhält.
    Die Wolken haben sich verzogen, und die Sonne kommt hervor. Sofort wird die brütende Sommerhitze wieder angefacht. Kroll und Anton verlassen die Fabrik über eine vom Fabriktor nicht einsehbare Mauer. Die Felder zeigen ein trauriges Bild. Braune Blätter von Bäumen und Pflanzen. Dies ist nicht das Braun eines verfrühten Herbstes. Giftige Chemikalien haben sie verfärbt. Der Gestank des Phenols, das sie zerstört hat, liegt über der Landschaft. Einige Felder sind mit weißer Kalkbrühe übergossen. Die Behörden versuchen, das Phenol damit zu neutralisieren. Sie wissen noch nichts von herausgeschleudertem Dioxin. Nur Kroll und Anton wissen davon. Noch haben die beiden strikte Anweisungen des Konzerns, kein Wort darüber zu verlieren.
    Sie entfernen sich von der Fabrik. Der Tag wird allmählich heiß, die Luft flimmert, so weit das Auge reicht, bewegt sich nichts. Nur die Autos von der nahe gelegenen Autobahn und ab und zu ein vorbeifahrender Zug sind in der Ferne zu hören. Ein wunderschöner Sommertag in beinahe absoluter Stille. Doch die Stimmung ist beklemmend. Ist das Gift überall? Laufen sie auf einer unsichtbar knisternden hauchdünnen Schicht von Dioxin? Atmen sie Reste des Dioxin enthaltenden Aerosols ein? Sind sie auch bereits kontaminiert? Immerhin befinden sie sich in der abgesperrten verseuchten Zone. Die beiden sind still und hängen ihren Gedanken nach. Was kommt auf uns alle zu?, denken sie. Auf sie, die Fabrik, den Konzern und die Leute, die dieses große Gebiet sicher nicht so schnell wieder bewohnen dürfen, wenn überhaupt. Vor allem jedoch fragen sie sich, wie lange sie die Wahrheit noch verheimlichen können.
    Sie reißen sich von ihren Gedanken los und kehren in die Fabrik zurück. Fabrikinspektor, Betriebsarzt, Bürgermeister und Konzernarzt erwarten sie. Fragen und ausweichende Antworten jagen sich, Vorwürfe und Drohungen ebenfalls. Wie können die Fabrik und die umgebenden Häuser und Felder entgiftet werden? Was soll mit ihren Bewohnern geschehen? Anton merkt, wie die erhitzte Diskussion sich langsam, aber sicher dem eigentlichen Problem nähert. Wie soll die dem Gift ausgesetzte Bevölkerung geschützt und therapiert werden? Darum die brennende Frage: Was ist eigentlich geschehen?
    Sie können die Farce so nicht weiterspielen. Womit wurden Menschen, Häuser, Felder und Fabrik verseucht? Nicht besonders giftige Herbizide – diese Aussage genügt nicht. Giftiges, aber nicht tödliches Phenol – auch das genügt nicht. Beimengung eines sehr toxischen Bestandteils in winzigen und kaum merkbaren Mengen – auch nicht mehr. Kroll gibt die ersten vertraulichen Hinweise auf Dioxin. Die Behördenvertreter notieren und verstehen noch nicht die Tragweite dessen, was sie notieren. In ihren Büros fallen sie sofort in das unbeschreibliche Chaos der Explosionsfolgen, die sie nicht mehr überblicken können.
    Am nächsten Morgen hört Anton dunkel dröhnende und hell bimmelnde Kirchenglocken aus dem Fenster des Hotels in Mailand. Es ist Sonntag im rechtgläubigen Mailand. Der Arzt und er haben den ganzen Abend mit langem und ausgedehntem Überlegen verbracht. Nach dem Frühstück ruft Anton Direktor Thurnheer an. Er berichtet ihm über das Geschehen des Vortages. Thurnheer hört zu und sagt nichts. Anton erklärt ihm die immer stärkere Politisierung der Explosion. Er bittet ihn, die Versicherungspolicen der Fabrik und des Konzerns nachsehen zu lassen. Er erklärt ihm die am Samstag abgegebenen Informationen über den Unfall. Thurnheer atmet hörbar. Der Arzt schaltet sich ein und berichtet von den Kindern in den verschiedenen Krankenhäusern und ihren Hautverätzungen, besonders im Gesicht. Anton und er werden ihn am Nachmittag erneut informieren.
    »Tun Sie das, wenn es sich nicht vermeiden lässt.« Thurnheers Stimme kann die Verärgerung über die sonntägliche Ruhestörung nicht verbergen.
    Der Arzt, den der Konzern zur Hilfe geschickt hat, soll Ärzte, Kranke und Behörden beruhigen. Das war sein präziser Auftrag, von Thurnheer persönlich. Er soll den Kliniken nur für den Konzern unverfängliche Unterlagen übergeben. Aber die Chefärzte setzen ihm die Pistole auf die Brust. Kollegiale Gespräche interessieren sie nicht mehr. Was sind das für Ekzeme? Welches Gift hat sie ausgelöst? Welche Therapie ist angezeigt? Wer steht hinter der Unglücksfabrik? Wer wird die bereits in die Millionen gehenden Behandlungskosten bezahlen?
    Anton und der Arzt bereiten die Dokumente vor, die sie den Krankenhäusern übergeben werden. Inzwischen sind sie sich im Klaren, dass es so nicht weitergehen kann. Kranke Menschen, Kinder erst recht, müssen richtig behandelt werden. Um das zu tun, müssen die Ärzte wissen, welche Krankheit sie behandeln sollen.
    Im ersten Krankenhaus, das sie besuchen, reißen ihnen die Ärzte die Dokumente aus den Händen. Ein Toxikologe wird bleich, als er die Beschreibung von Dioxin liest. Er versteht auf der Stelle, aus welcher Richtung der Wind weht. Er fragt nach der Chemie des Unfalls. Wozu wurde das Phenol gebraucht? Aha, um Baktizon daraus herzustellen. Trotz der dramatischen Umstände lacht er. »Das steht bei uns in jedem OP und Krankenzimmer. Es ist unser bestes Desinfektionsmittel. Damit müssen Sie irrsinnig verdient haben? Und Sie haben trotzdem kein Geld für eine anständige Fabrik gehabt?«
    Die Ärztekarawane setzt sich in Bewegung. Thurnheers Arzt darf mitgehen. Er will sich ein Bild über die verletzten Kinder machen. Thurnheer wird mit Sicherheit danach fragen, nur schon wegen der drohenden Forderungen nach Schadensersatz. Dem Kollegen nehmen die Ärzte den Skandal nicht übel. Dafür strafen sie den Konzernmann Anton mit Verachtung.
    Eine Krankenschwester kopiert die Dokumente. Jeder Arzt erhält sein Exemplar. Einer kopiert seines noch einmal und gibt es einem Freund beim Corriere della Sera. Damit tritt er die Lawine los. Die bereits unter Höchstspannung stehenden nationalen und internationalen Medien sind entfesselt. Die Sensation ist geboren, die die Welt jahrelang in Atem halten wird.
    Thurnheers Mediziner ist am Ende seines Lateins. Er ist des Konzerns oberster klinischer Forscher. Die genaue Einhaltung der Protokolle bei den klinischen Tests neuer Pillen ist sein Metier. Thurnheer schickt ihn vor, weil er einen guten Eindruck macht und fließend Italienisch spricht. Über das freigesetzte Gift weiß er kaum etwas. Der arme Kerl hat Angst. Seine italienischen Kollegen mit halben Wahrheiten irrezuführen, geht gegen seine ärztliche Ehre und Äskulaps Eid. Doch jetzt hat er Angst vor Nonner und Thurnheer, denn er hat seinen Auftrag falsch ausgeführt. Er muss ihnen die chaotische Situation in den Krankenhäusern klar machen. Dabei darf er seinen Job auf keinen Fall riskieren. Er zittert bei dem Gedanken, selbst mit Thurnheer zu sprechen. Anton soll ihm dabei helfen.
    Anton tut es für ihn. Er hat die Panik erlebt und die ersten Bilder der Unfallopfer gesehen. Der Arzt hat ihm die Kinder geschildert, die er besucht hat. Er kann nicht anders handeln. Sie suchen eine Telefonzelle. Vor der ersten warten bereits drei Personen. Die nächste funktioniert nicht. Antons Begleiter wird zusehends nervöser. Alle paar Minuten blickt er um sich.
    »Wir müssen weg hier«, keucht er. »Sie sind sicher bereits hinter uns her.«
    »Wer und warum?«, fragt Anton ungeduldig.
    »Denken Sie an das Lösegeld, das sie mit uns beiden aus dem Konzern herauspressen können.«
    Vielleicht hat er Recht, denkt Anton und findet endlich ein Telefon.
    »Was wollen Sie?«, fragt ihn Thurnheers heute Nachmittag noch unsympathischere Kommandostimme. »Sie wissen, dass Sie mich nur im äußersten Notfall anrufen sollen.«
    »Das weiß ich. Der ist jetzt eingetreten. Wir können so nicht weitermachen.« Anton redet Klartext. Er hat endgültig genug von den Pfadfinderspielen.
    »Sie müssen weitermachen«, kommt Thurnheers lakonische Antwort.
    Anton versucht es anders. »Ist Dr. Nonner schon zurück?«, fragt er Thurnheer.
    »Nein, erst morgen Abend.«
    Das hatte sich Anton genau so vorgestellt. Thurnheer fällt jetzt keine Entscheidungen mehr. Seine Angst vor Nonner ist größer als die vor den Folgen der Katastrophe.
    Anton versucht anders. »Haben Sie Dr. Armbruster gefunden?«
    »Ja, aber er kann nicht vor heute Abend zurück sein.«
    Auch vor Armbruster hat er Angst, etwas falsch zu machen.
    Antons Geduld ist am Ende. »Es ging nicht mehr anders. Wir haben die Kliniken über die Hintergründe und Zusammenhänge der Katastrophe informiert.«
    »Wer ist wir?«
    »Der Chef Ihrer klinischen Forschung.«
    »Geben Sie ihn mir!« Thurnheers Wutschrei ist unüberhörbar.
    Der Arzt schüttelt den Kopf und verlässt fluchtartig die Kabine.
    »Er ist im Augenblick nicht hier«, sagt Anton.
    »Wo ist er?«
    »Ich weiß es nicht.«
    »Ich verbiete Ihnen in aller Form, unsere internen Informationen bekannt zu geben.« Thurnheer spricht auf einmal ganz ruhig. Wahrscheinlich hat er sein Band eingeschaltet. Das tun sie immer in kniffligen Situationen. »Seien Sie sich der Tragweite bewusst, wenn Sie es trotzdem tun«, droht er Anton unverblümt.
    »Ich habe verstanden«, antwortet Anton ebenso förmlich. Thurnheer soll sein Band trotz Chaos seinem Chef offiziell abspielen können.
    »Was haben Sie vor?«, fragt er Anton.
    »Ich weiß es noch nicht.«
    Anton geht mit dem Konzernarzt in die nächste Klinik. Auch dort sprechen sie mit den Ärzten. Sie informieren ihre Kollegen und Mitarbeiter, danach die Behörden. Auch sie geben alles umgehend an die Medien weiter.
    Auf dem Rückflug spricht Anton mit dem Arzt. »Haben unsere Chefs überhaupt keinen Plan? Marschieren sie blind von einer Panik in die nächste? Sehen Sie doch nur, wie Thurnheer dem für Krisensituationen üblichen Schema folgt. Es hat ihm bisher immer zu sanften Landungen verholfen. Erstens, es ist nichts Schlimmes passiert. Zweitens, der Konzern hat nichts damit zu tun. Drittens, wir können erst Stellung nehmen, wenn wir über genaue Informationen verfügen.«
    »Seien Sie vorsichtig«, sagt der Arzt, »damit Sie für Ihr Vorgehen nicht bezahlen müssen.« Er wird Recht behalten. Anton und Kroll wird man wegen Nicht-Information der Behörden anklagen. Thurnheer, der das angeordnet hat, wird in der Anklageschrift nicht einmal erwähnt.
   

 


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