»Die Symptome kamen ganz plötzlich, wie die gefräßige Welle, die am friedlichen Strand das Kind erfasst und mit sich in die Tiefen des Meeres reißt: der Salto mortale im Magen, das Taubheitsgefühl in den Beinen, das sie beinahe wegknicken ließ, der kalte Schweiß auf den Handflächen und vor allem der stechende Schmerz in der linken Brust, der sich mit seinen Vorahnungen jeweils meldete.
Kaum hatten sich die Türflügel der Bibliothek geöffnet, schlug ihm der faszinierende Geruch von altem Papier entgegen, der aus jedem Raum ein Heiligtum macht. In seiner längst vergangenen Zeit als Ermittler hatte Mario Conde gelernt, die hilfreichen Körpersignale zu deuten, und fragte sich jetzt unwillkürlich, ob er schon jemals ein derart überwältigendes Glücksgefühl erlebt hatte.
Zuerst versuchte er sich einzureden, der pure Zufall habe ihn in diesen düsteren alten Kasten im Vedado geführt, ein unerwarteter Wink des Schicksals, das endlich einmal sein Schielauge auf ihn zu richten geruht hatte. Einige Tage später jedoch waren so viele alte und neue Leichen aus ihren Gräbern auferstanden, dass El Conde zur Überzeugung gelangte, dass das Zufällige in seinem Leben keinen Platz hatte und alles auf dramatische Weise vom Schicksal vorherbestimmt war. Wie auf einer Bühne, auf der alles vorbereitet war und bloß darauf wartete, dass er durch seinen Auftritt das Startsignal gab.
Vor mehr als dreizehn Jahren hatte El Conde seine Arbeit bei der Kripo aufgegeben und sich mit Leib und Seele dem launischen Geschäft des An- und Verkaufs alter Bücher verschrieben. Trotz ramponiertem Leib und ausgelaugter Seele war es ihm gelungen, einen Raubtierinstinkt zu entwickeln, um die Beute aufzuspüren, die bisweilen mit überraschender Großzügigkeit sein leibliches und alkoholisches Überleben sicherte. Zu seinem Glück oder Unglück das hätte er selbst nicht so genau zu sagen gewusst. Doch fielen sein Austritt aus dem Polizeidienst und sein notgedrungener Eintritt in die Geschäftswelt mit der offiziellen Ankündigung der Krise auf der Insel zusammen. Und so galoppierend entwickelte sich diese Krise, dass sie bald alle vorangegangenen vor Neid erblassen ließ, jene üblichen, ewigen Krisen, die El Conde und seine Landsleute jahrzehntelang durchgemacht hatten. An die früheren, immer wiederkehrenden Perioden des namenlosen, schlichten Mangels erinnerte man sich nun, vergesslich und die Erinnerung schönfärbend, wie an eine gute alte Zeit bar jeden Schreckens.
Wie durch einen bösen Fluch war der Mangel fast schlagartig zum Dauerzustand geworden. So gut wie alle Dinge und menschlichen Bedürfnisse fielen ihm zum Opfer. Jeder Gegenstand, jede Dienstleistung bekam einen nie gekannten Wert und verwandelte sich in der allgemeinen Unsicherheit in etwas völlig Neues, ob Streichholz oder Aspirin, ob ein Paar Schuhe oder eine Avocado, vom Sex bis hin zu den Träumen und Fantasien. Und die Beichtstühle der Kirchen und die Warteräume der Wunderheiler, Spiritisten, Kartenleger, Hellseher und babalaos füllten sich mit Rat und Trost Suchenden.
Die Not war so groß und allumfassend, dass selbst die ehrwürdige Welt der Bücher nicht verschont blieb. Die Zahl der Veröffentlichungen sank im freien Fall. Spinnweben überzogen die Regale der düster gewordenen Buchhandlungen, die Angestellten hatten die letzten noch glimmenden Glühbirnen mitgehen lassen, auch wenn sie angesichts endloser Stromausfälle praktisch nichts damit anfangen konnten. Hunderte von Privatbibliotheken, einst Hort von Bildung, Weisheit, bibliophilem Stolz und tausend Erinnerungen an glücklichere Zeiten, verwandelten sich nach und nach in vulgäres Papier einer anderen Art, in stinkende, rettende Geldscheine. Generationen alter Bibliotheken von unschätzbarem Wert ebenso wie zufällig zusammengekaufte Büchersammlungen, Spezialbibliotheken zu den ausgefallensten und tiefgründigsten Themen ebenso wie Bücherschränke, die blo mit Geschenken zu Geburts- und Hochzeitstagen gefüllt waren, alle wurden sie von ihren Besitzern erbarmungslos geopfert und geplündert angesichts der ständig wachsenden Geldnot, die fast alle Bewohner des Landes nun auszehrte.«